29 Mrz

Von Taucherflossen und Hackenporsche – ein Besuch in der Kleiderkammer

Vom festlichen Kleid bis zum Bench-Sweater ist alles dabei - Johanna Schumann, Elke Schnelle, Elke Stern und Jutta Oppermann (v.l.n.r.) vom Kleiderkammer-Team zeigen die Vielfalt der Spenden

Vom festlichen Kleid bis zum Bench-Sweater ist alles dabei – Johanna Schumann, Elke Schnelle, Elke Stern und Jutta Oppermann (v.l.n.r.) vom Kleiderkammer-Team zeigen die Vielfalt der Spenden

Wer schon einmal in der Kleiderkammer war, kennt dieses Bild: eine riesige Auswahl an Pullovern, Hemden, Kleidern, Hosen, Schuhen, Mänteln, Jacken, Mützen, Handschuhen in allen erdenklichen Farben, gut geordnet nach Damen/Herren/Kindern und nach Größen. Eine Fundgrube für Geflüchtete auf der Suche nach Kleidung und Hausrat. Seit November letzten Jahres betreibt unsere Initiative die Annahme- und Ausgabestelle für Hausrat- und Kleiderspenden im Clubraum am Rugenbergener Mühlenweg. Wir haben dem Team über die Schulter geschaut und mit Elke Schnelle und Johanna Schumann gesprochen.

Was war Eure Motivation, Euch bei ELLERBEK HILFT zu engagieren?
Uns war klar, dass ohne Ehrenamtliche der Wunsch unserer Kanzlerin ‘Wir schaffen das’ nicht machbar ist. Außerdem half uns unsere christliche Einstellung zur Nächstenliebe.”

Habt Ihr in Euren Berufen mit Bekleidung oder Logistik zu tun? Falls nicht: Warum habt Ihr Euch für die Kleiderkammer entschieden?
Ein Mitglied unserer Gruppe ist gelernte Schneiderin. Für alle anderen war dieser Bereich Neuland. Neben der Kleiderkammer engagieren sich einige von uns auch beim Willkommen-Team, als Lotsen und beim Deutschunterricht. In der Kleiderkammer treffen wir ‘unsere’ Flüchtlinge wieder und haben so bereits einen Draht zu ihnen. Auch der persönliche Kontakt zu den vielen Spendern motiviert uns.”

Seid Ihr personell gut aufgestellt, oder sucht Ihr weitere Mitstreiter?
Wir sind ein Stamm von sechs Helfern, wobei wir meist zu dritt dienstags und donnerstags von 16 – 18 Uhr im Einsatz sind. So ist das Pensum gut zu schaffen.”

Jutta Oppermann, Elke Stern und Johanna Schumann (v.l.n.r.) vom Kleiderkammer-Team prüfen und sortieren eingegangene Spenden

Jutta Oppermann, Elke Stern und Johanna Schumann (v.l.n.r.) vom Kleiderkammer-Team prüfen und sortieren eingegangene Spenden

Welche Aufgaben beinhaltet die Kleiderkammer im Einzelnen?
Wir nehmen die Spenden an und sortieren sie nach Kategorien wie beispielsweise Bekleidung, Küche, Zubehör, Spiele und so weiter. Eventuell sortieren wir auch Dinge aus, zum Beispiel wenn sie defekt sind. Danach bestücken wir die Regale oder Kisten. Wir beraten die Flüchtlinge auch und helfen beim Aussuchen. Und wir sorgen dafür, dass die Räume abends wieder besenrein sind.”

Hat die Spendenbereitschaft der Bürger abgenommen, seit weniger Geflüchtete nach Deutschland kommen?
Nein, davon sind wir nicht betroffen. Wir mussten, im Gegenteil, schon Annahmestopps aussprechen, da unsere Lagerkapazität an ihre Grenzen gestoßen ist.”

Was wird am meisten gespendet?
Am allermeisten wird Kleidung gespendet.”

Was könnt Ihr überhaupt nicht gebrauchen und warum nicht?
Kaputte oder schmutzige Kleidung können wir nicht gebrauchen, und mit Kleidung in großen Größen können wir nichts anfangen. Ebenso wenig mit High Heels oder Abendkleidern, das versteht sich ja eigentlich von selbst.”

Was geschieht mit der Winterkleidung, die im Frühjahr nicht mehr benötigt wird?
“Ein Teil wandert in Kisten, den Rest haben wir dem Amt Pinnau zur Verfügung gestellt, das ihn nach Billstedt zu einer Verteilerstelle für Bedürftige bringt.”

Gab es kuriose oder lustige Spendenangebote?
“Ein bisschen schmunzeln mussten wir über ein Taucherflossen-/Schnorchel-Set, das uns im Winter angedient wurde. Wir stellten uns vor, dass man damit im kleinen Ellerbeker Schwimmbad vermutlich Aufsehen erregen würde.”

In welcher Bekleidungssituation sind die Geflüchteten, wenn sie zu Euch kommen? Geht es ihnen um eine Grundausstattung, oder haben sie die schon an ihren vorherigen Stationen erhalten?
Bekleidungsmäßig haben die allermeisten Flüchtlinge bereits eine gute Grundausstattung, dennoch besteht bei einigen enormer Nachholbedarf und sie freuen sich sehr, wenn sie bei uns fündig werden. Die Bedürfnisse sind dabei durchaus unterschiedlich. Traditionell gekleidete moslemische Frauen decken offensichtlich ihren Bedarf in Hamburg.  Frauen, die sich westlich-orientiert kleiden, kommen zu uns. Männer suchen besonders Jeans in kleinen Größen, Schuhe bis Größe 42, hauptsächlich Turnschuhe und Funktionssportsachen.
Die Wohnungen der Flüchtlinge werden aus unserem Fundus mit Handtüchern, Bettüberzügen, Decken, Gardinen, Töpfen, Geschirr, Besteck, Eimer, Besen, Lampen, Staubsauger etc. und teilweise Spielzeug für die Kinder bestückt.
Momentan können wir wieder folgende Gegenstände gebrauchen:

  • Töpfe, Pfannen, Toaster, Zitronenpresse
  • Stehlampen, intakte Staubsauger
  • Spielsachen (Barbies + Zubehör), Lego
  • Fahrradhelme

Auf www.ellerbek-hilft.de halten wir den aktuellen Bedarf auf dem laufenden.”

Gibt es Dinge, nach denen Flüchtlinge fragen, die Ihr aber nicht anbieten könnt?
“Die gibt es. Beispielsweise konnten wir Wünsche nach einer Mikrowelle, einem Mixer und einem Einkaufskarren, also einem Hackenporsche, nicht erfüllen. Auch bei der Frage nach einem Tennisschläger und Bällen mussten wir passen. Anders als in den meisten anderen Ländern der Welt gehört Tennis ja in Deutschland zu den teureren Sportarten, es ist hier kein Massensport.”

Wie verständigt Ihr Euch mit den Geflüchteten?
Das ist ganz unterschiedlich. Manche unserer Besucher sprechen schon ein bisschen Deutsch, mit anderen kommen wir auf Englisch gut zurecht. Und wenn beides nicht funktioniert, nehmen wir Hände und Füße und den Google Übersetzer auf dem Smartphone zu Hilfe.”

Mögen die Geflüchteten unseren europäischen Modegeschmack?
“Die Männer auf jeden Fall, sie mögen legere Freizeitkleidung, wie wir sie auch tragen. Bei den Frauen sind es die modernen, westlich-orientierten Geflüchteten, die bei uns finden, was sie suchen. Für diejenigen, die sich traditionell kleiden, haben wir kein Angebot.”

Wie viel Zeit nimmt die Kleiderkammer pro Woche in etwa in Anspruch?
“Die Kleiderkammer ist zweimal pro Woche jeweils zwei Stunden geöffnet. Hinzu kommen sporadische Einsätze, wenn es darum geht, eine Unterkunft auszustatten. Wir steuern dann, wie gesagt, Handtücher, Gardinen, Töpfe, Geschirr, Besteck und vieles andere bei. Da wir sechs im Team sind, können wir uns die Einsatzzeiten gut aufteilen.”

Gibt es eine bestimmte Situation, an die Ihr Euch besonders gern erinnert?
“Ein junger Neu-Ellerbeker aus dem Irak brachte eines Tages seinen Vater mit, der in Tangstedt lebt. Natürlich haben wir auch ihn herzlich empfangen und ihn bei der Auswahl beraten. Er war sichtlich gerührt und rief mit ausgebreiteten Armen: ‘Ich liebe Euch alle!’. Das galt vermutlich nicht nur uns, sondern allen, die helfen.”

Welches Zwischenresümee würdet Ihr nach den ersten fünf Monaten ziehen?
“Bisher ist es sehr gut gelaufen, wir sind eine tolle Gruppe und haben viel Spaß. Schön ist es, den Geflüchteten zeigen zu können, dass sie willkommen sind. Und sie sind sehr dankbar für jede Hilfe.”